Tripp Tipp

Kleine Zeitreise: Grenzlandmuseum Schnackenburg

Lesedauer 6 Minuten

Anfang August waren wir auf Tour im Wendland. Das ist eine niedersächsische Region, die ziemlich genau in der Mitte zwischen Berlin und Hamburg liegt. Das gibt zum Einen eine interessante touristische Mischung aus damaligen „West- und Ostlern“ zum Anderen lockt uns die Region, welche zu den dunkelsten Orten in Deutschlands zählt, immer wieder zur Nachtfotografie an. An einen Museumsbesuch hatten wir nun wirklich nicht gedacht aber Reisen soll ja bekanntlich inspirieren. Bei der Hinfahrt entdeckten wir dann irgendwo an einer Kreuzung das Hinweisschild „Grenzlandmuseum“. Da wir in Niedersachsen unterwegs waren, bin ich davon ausgegangen, dass sich in diesem Museum alles um die Grenzgeschichten aus westlicher Sicht drehen müsse. Das hätte mich interessiert. Doch weit gefehlt. Wir gehen mal rein.

Eintritt Grenzlandmuseum Schnackenburg

Wir erwischen einen ultraheißen Tag im August und zögern zunächst, ob wir uns einer Innenveranstaltung hingeben sollen.

Wir schlendern zum Eingang, der sich sehr freundlich zeigt – das Museum ist geöffnet.

Eingang Grenzlandmuseum Schnackenburg
Beschilderung am Eingang Grenzlandmuseum Schnackenburg

Direkt beim Eintritt beginnt das Museum seine Wirkung zu entfalten – also direkt mit Eintritt beginnen die Augen in dieser umfangreichen Ausstellung umherzuwandern.

Die nette Dame am Empfang verkauft uns für 3,00 Euro pro Person ein Ticket und empfiehlt: „Starten Sie am besten ganz oben, es gibt viel zu lesen.“ Oha – wir lesen immer nicht so gern in solchen Ausstellungen – aber mal schauen.

Die angenehme Kühle des Hauses fällt auf. Es ist das alte Fischerhaus am Hafen von Schnackenburg. Ursprünglich sollte das Museum mal in Sachsen-Anhalt, im kleinen Ort Gollensdorf und hier in der ehemaligen Unterkunft der Nationalen Volksarmee (NVA) errichtet werden. Trotz Finanzierungszusagen sowohl vom Land Sachsen-Anhalt als auch Niedersachsen, konnten finanzielle Aspekte nicht ganz geklärt werden. Schnackenburg hatte ein Haus frei und so einfach kam dann also die Ausstellung nach Niedersachsen.

Wir beginnen das Grenzlandmuseum zu erkunden

Schon kurz nach Eintritt finden wir uns, wie empfohlen, in der dritten der 3 Etagen zählenden Ausstellung. Das Haus ist überschaubar – also eher klein – dafür aber von oben bis unten vollgestopft mit Ausstellungstücken.

Der Boden knarzt. Erich Honecker guckt uns in mit gewohnt spießig-steifem Gesicht an. Wir johlen auf. Den kennen wir nur zu gut – hat er doch früher gefühlt in jedem Klassenzimmer gehangen.

Ich bin ja Gott sei Dank hier redefrei auf meinem Blog – das Konterfei des 1. Vorsitzenden des Staatsrats der ehemaligen DDR erzeugt immer wieder unangenehme Gefühle in mir. Da kann aber das Grenzlandmuseum nichts dafür – ganz im Gegenteil. Ich bin dankbar für Orte, an denen ich mich mit meiner Geschichte auseinandersetzen kann.

Grenzlandmuseum Schnackenburg
alte Bekannte im Grenzlandmuseum

Worum gehts nun eigentlich in diesem Museum?

Das Grenzlandmuseum Schnackenburg wird von einem Förderverein betrieben. Das Museum sieht sich als Mahn-, Gedenk- und auch Informationsort zur 45 jährigen Teilung Deutschlands, Zeitraum des Kalten Krieges sowie des Eisernen Vorhangs.

Es beleuchtet die Grenzgeschichten sowohl aus ost- als auch westdeutscher Sicht.

Und obwohl das Museum eher klein wirkt, beinhaltet es eine kaum greifbare Fülle an Informationen. Hier eine Flagge, dort eine Uniform und im Glaskasten die bewegende Geschichte einer Grenzfamilie.

Grenzlandmuseum Schnackenburg
In der dritten Etage des Grenzlandmuseums Schnackenburg

Ja – es ist viel zu lesen. Und wer hätte das gedacht – wir lesen nun auch viel.

Irgendwie saugen uns die bebilderten Infotafeln, die Glasschaukästen, die auf A4-Zettel geklebten Zeitungsberichte, die feinsäuberlich hinter Glas geschützten Dokumente, die Erklärungen der Grenzanlagen, die Schilderungen zum Beispiel der Affäre Kugelbake – ja selbst die aus einer Zeitung ausgeschnittenen Witze, an.

Manches kennen wir bereits – das lesen wir trotzdem noch mal, weil es einfach so unglaublich war, was und wie damals alles geschehen ist.

Überblick Grenzlandmuseum Schnackenburg
Klein aber oho – das Grenzlandmuseum Schnackenburg

Hier mal ein Beispiel für einen Glaskasten, in dem Dokumente gezeigt werden.

Dokumente im Glaskasten im Grenzlandmuseum Schnackenburg
Dokumente im Glaskasten

Im Grunde ist mein Gehirn während des ganzen Besuches damit beschäftigt, bekannte Gegenstände oder Infos zu identifizieren. Auch wenn wir keines hatten – aber so tolle Telefone gab es zu damaligen Zeiten. Da werden die heutigen Smartphones in Sachen Kultstatus nie mithalten können.

Alte Telefonanlage im Grenlandmuseum Schnackenburg
Alte Telefonanlage im Grenzlandmuseum Schnackenburg

Weiterhin gibt es verschiedene Uniformen, Warnschilder, Flaggen und auch ein paar wenige Fahrzeuge zu bewundern – um einfach mal ein paar Eindrücke zu teilen, worum es in diesem Museum geht.

Uniformen und Warnschild im Grenzlandmuseum Schnackenburg
Uniformen und Warnschilder im Grenzlandmuseum Schnackenburg

 

Uniform im Grenzlandmuseum Schnackenburg

Lohnt sich ein Besuch? Kurzes Fazit zum Grenzlandmuseum Schnackenburg

Der Flyer des Museums titelt mit: „Erinnern hilft gegen Vergessen.“

Insofern: Ja! Auf jeden Fall lohnt sich ein Besuch – dieses Museum atmet Geschichte, zeigt was passiert, wenn Größenwahnsinnige oder Machtbesessene  an die Macht kommen und lässt auf unaufgeregte Art in wohl eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte eintauchen.

Wenn man alle Tafeln und Schaukästen lesen möchte, sollte man jedoch einige Stunden einplanen.

Und noch etwas: Auf den ersten Blick wirkte das Museum für mich, als sei es etwas in die Jahre gekommen. Der eine oder andere mit Schreibmaschine getippte Schriftsatz erfüllt ganz sicher nicht unsere heutzutage hochperfektionistischen Erwartungen – aber für mich macht genau das dieses Museum aus. Es zeigt nämlich neben den Exponaten indirekt – wie man Anfange und Mitte der 90iger eine Ausstellung aufbaute. Ich finde es sehr angenehm, dass es nicht aus jeder Ecke spricht, dudelt oder flimmert – wie man das aus sehr modernen Museen mittlerweile gewöhnt ist.

An die Macher des Museums: Bitte diesen Charme erhalten.

Sitzgruppe vor dem Museum

Was du hier nicht erwarten solltest

Eine hochmoderne Hightech-Ausstellung.

Das Museum wird seit 1994 von einem Förderverein also von Freiwilligen in ihrer Freizeit betrieben.

Was du hier auch nicht findest, sind Gegenstände des Alltags wie Küchenutensilien, Möbel etc. Es ist ein Museum zur Grenzgeschichte und in der Auswahl seiner Exponate dahingehend klar umgrenzt.

Die Außenanlage Stresow

Mit dem Besuch im Fischerhaus in Schnackenburg war es jedoch noch nicht getan. Das Museum hat eine Außenstelle, die wir danach auch noch aufgesucht haben.

Und so kamen wir ein zweites mal an dem Wegweiser vorbei, der uns überhaupt erst auf dieses Musem aufmerksam gemacht hat.

Wegweiser zur Außenstelle Grenzlandmuseum Schnackenburg

Die Außenstelle Stresow zeigt sich reduziert und gerät an dem heißen Tag, an dem wir da waren – völlig in den Hintergrund der dort befindlichen Badestelle.

Stresow war einst ein an der deutsch-deutschen Grenze befindliches Straßendorf, was 1952 von der „Aktion Ungeziefer“ betroffen war. Kurz gefasst sollten „politisch Auffällige“ und dazu gehörte zum Beispiel das Schauen von Westfernsehen – zwangsausgesiedelt werden, um den Grenzstreifen zu säubern. In einer Nacht und Nebelaktion wurden 80 Bürger des Ortes abgeholt. 4 Familien soll die Flucht nach Niedersachsen gelungen sein. Für die verbleibenden Bewohner wurde Stresow immer unwirtlicher und letztendlich verließ wohl der letzte Bewohner 1974 das Dorf.

1997 wurde ein Gedenkstein an der Stelle des Dorfes errichtet. Die Außenstelle gibt zwar nicht im Ansatz das wider, was Menschen hier erleben mussten – dennoch war es gut, einmal dort gestanden haben – wo Menschen durch ein Unrechtsregime unfassbares Leid erfahren haben. Für mich kaum vorstellbar und insofern gut, dass die Gedenkstätte darüber informiert und auch erinnert.

Außenstelle Stresow

Parken am Grenzlandmuseum

Zugegeben – Schnackenburg ist nicht unbedingt der Nabel der Welt, ein ICE hält da nicht und wenn die Fähre ausfällt liegt es in einer Sackgasse. Das Museum ist also am leichtesten mit dem Auto zu erreichen.

Dafür ist das Parken kostenfrei – wo gibt es denn so was noch? Und mit dem Wohnmobil dürfte man sogar kostenfrei übernachten. Hallo! Dankeschön. Da Sonntag war, mussten wir leider nach Hause.

Parkplatz am Hafen von Schnackenburg – direkt unterhalb vom Museum

Schlussendlich sind wir froh, dass wir dieses Museum samt Außenstelle spontan besucht haben.

Vielen Dank, dass du mit uns durch dieses Museum gegangen bist – hast du je von diesem Museum gehört? Schreib es gern mal rein in die Kommentare.

Und dann sage ich tschüss und bis zum nächsten Beitrag.

Autorin: Sandra Hintringer

6 Kommentare

  • Liebe Sandra,

    das ist ja ein Zufall. Wir waren erst letzte Woche ganz in der Nähe unterwegs, erst in Dömitz und dann im Wendland. Allerdings haben wir uns in erster Linie rund um Gorleben aufgehalten, um zu schauen, was eigentlich von der Anti-Atomkraftbewegung übrig geblieben ist und was überhaupt in Gorleben so los ist. Nach Schnackenburg haben wir es nicht geschafft. Deswegen kommt dein Artikel wie gerufen. Wenn wir die Artikel darüber schreiben, verlinken wir deinen gerne.

    Viele Grüße von Gabi und Michael

    Antworten
    • Hallo liebe Gabi,

      ja, das ist wirklich ein Zufall. Obgleich wir schon mehrmals in der Ecke waren und auch Gorleben oder besser die kleine Gedenkstätte im Wald haben wir schon durchstöbert. Sehr spannend. Vielen Dank fürs Verlinken, sag gern nochmal Bescheid, wenn es denn soweit ist.

      Lg Sandra

      Antworten
  • Vielen Dank für diesen kleinen Ausflug in die Geschichte! Das hört sich nach einem spannenden Museum an, das man an dieser Stelle wahrscheinlich so nicht erwartet hätte. Falls es mich mal ins Wendland verschlägt, dann werde ich mir das Museum auf jeden Fall vormerken, denn Geschichte interessiert mich auch immer sehr.

    Liebe Grüße

    Kathleen

    Antworten
    • Hallo Kathleen,

      ja – das Museum ist irgendwie eine kleine versteckte Perle. Ein Besuch ist absolut empfehlenswert.

      Lg Sandra

      Antworten
  • Sehr interessanter Beitrag. Wie kann ich mir die Außenstelle vorstellen? Das Straßendorf Stresow wurde komplett abgerissen? Heimat, Verbundenheit, Dorfseele, die nicht mehr vorhanden ist?
    Bei mir taucht gerade ein Ort im Gedächnis auf. Dieser musste Braunkohlebaggern weichen. Bevor er abgerissen wurde, bin ich durchgefahren. Gehöfte, Grundstücksmauern mit großen eisernen geschwungenen Toren, Obstbäume, keine Menschen – ein Geisterdorf. Es war niemand mehr da… Großartig, was der Förderverein im Kleinen leistet. 👍🙏

    Antworten
    • Hallo Anja,

      ja, das Dorf Stresow wurde wohl im Laufe der Jahre komplett abgerissen. Vor Ort sieht man nur das, was ich auf den Fotos gezeigt habe. Ganz schlimmer Entwurzelungsprozess, den man den Menschen entweder über die Tagebauberäumung oder wie im Fall von Stresow mittel “Aktion Ungeziefer” angetan hat.

      Lg Sandra

      Antworten

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