Schiffshebewerke Niederfinow: Lohnt sich ein Ausflug dorthin?

Durch Zufall oder vielmehr die Schlauheit des Facebook-Algorithmus wurde mir vor ein paar Tagen eine Werbung für eine Sonnenuntergangs-Doppelführung durch die Schiffshebewerke Niederfinow vorgeschlagen. Cool – war mein erster Gedanke. Kurze Rücksprache mit dem tragwerksaffinen Mann sowie etwas Akquise im Familiären führt dazu, dass wir kurzerhand zu dritt dort einreiten. Wir sind ein spannendes Trio, denn während ich auf der Pirsch nach einer Story für den Blog bin, entwickelt meine Schwester mit ihrer touristischen Expertise sofort Ideen, was man in einem Schiffshebewerk noch alles veranstalten könnte. Der Dritte im Bunde kennt sich gut mit Statik aus, unterzieht alles, was der Tourguide preisgibt, einem kritischen Blick. Gott sei Dank, sieht man uns das erst mal nicht an – für uns wurde also nichts geschönt, das macht die Berichterstattung authentisch. Ob sich ein Ausflug in die Schiffshebewerke Niederfinow lohnt, können wir nach der Tour mit Bestimmtheit sagen – aber nun schnall’ erst mal dein Herz an, damit es dir beim Blick in die Tiefe des Schiffshebewerkes, nicht in die Hose rutscht.
Schiffshebewerke Niederfinow – warum 2 Schiffshebewerke?
Die gesamte Anlage der zwei Schiffshebewerke in Niederfinow ist extrem beeindruckend, eine für mich kaum greifbare Meisterleistung alter und neuer Ingenieurskunst. Das alte und das neue Schiffshebewerk stehen direkt nebeneinander, sind beide noch in Betrieb.

Und obwohl das alte, 1934 gebaute Schiffshebewerk noch voll einsatzfähig ist, konnte es irgendwann den Ansprüchen der modernen Binnenschifffahrt nicht mehr ganz Stand halten. Da geht es zum Beispiel um die Größe des Troges, in dem die Schiffe gehoben werden aber auch um die Höhe der heutigen Containerschiffe.
Die Instandhaltung des alten, genieteten Stahlhebewerkes gestaltet sich verständlicherweise auch immer schwieriger und so durfte er am 4. Oktober 2022 kommen – der gigantische Stahlbetonklotz über dessen Antlitz sich die Geister scheiden.

Die Doppelführung beginnt
Nachdem uns der sympathische Tourguide im Infozentrum kurz eingeschwungen hat, wird’s spannend. Nur mit seinem Schlüssel kommen wir nun hinein – ins neue Schiffshebewerk.
Ui – aufregend.
Er klärt uns vor der Tür noch auf, dass bei bestehender Höhenangst immer die Möglichkeit besteht, zurückgebracht zu werden – viel lustiger ist dann jedoch, dass wir uns als Gruppe in den Aufzug quetschen müssen, um ganz nach oben zu fahren.
Merke: Um das Schiffshebewerk in einer Führung zu besuchen, solltest du im Idealfall weder Höhenangst noch Platzangst haben oder einfach dem Guide Bescheid geben.
Wir steigen aus dem Aufzug aus und sind erst mal überwältigt, vor allem von der Tiefe – 36 Meter sind es, die wir nun auf den Trog hinabblicken.

In die andere Richtung schauen wir auf den Oder-Havel-Kanal, Teil eines Binnenwassersystems was die großen Wasserstraßen im Osten und Westen Europas miteinander verbindet. Dank dieses Kanals können Berufs- und Hobbyschiffer von Berlin bis zur Ostsee fahren.
Der Gang auf diese Brücke oder an eines der Geländer sowie der Blick nach unten ist wirklich irre und irgendwie auch ein Highlight bei dieser Führung. Lässt sich schlecht beschreiben aber ein Gefühl der Sprachlosigkeit war definitiv gegeben.

Ausgeklügelte Hebetechnik
Insgesamt 8 Motoren bewegen den Trog samt Schiff. Das Senkrechthebewerk funktioniert mittels Gegengewichtsausgleich.
Der Trog, in dem das Schiff gehoben wird ist 125,50 Meter lang, 27,90 Meter breit und vier Meter tief und wiegt mit Wasser gefüllt 9800 Tonnen.

Spektakuläre Ausblicke vom neuen Schiffshebewerk
Die Technik hinter dem Schiffshebewerk ist das Eine. Die Einbettung in die Landschaft das Andere. Während der Tour genießen wir einen wunderbaren Ausblick in die Landschaft des Oderbruchs – und wir haben Glück. Ursprünglich hatte die Wetter-App Doppeltropfen also starken Regen gemeldet. Erfreulicherweise rissen die Wolken sogar ein wenig auf und so gab es zwar keinen fulminanten Sonneuntergang aber es blieb trocken.
Auf dem folgenden Foto geht der Blick auf den Oder-Havel-Kanal, sowie auf die Einfahrt ins Schiffshebewerk. Am rechten Bildrand – eher nur als Vermutung wahrnehmbar – finden sich noch die alten Schleusenanlagen. Die einst vierstufige Schleusentreppe nahm für die Schifffahrt wesentlich mehr Zeit in Anspruch als die Hebewerke.

In der anderen Richtung blicken wir in die Weite des Oderbruchs, wo der Herbst ein paar bunte Tupfer in die Landschaft gekleckst hat. Richtig schöner Blick, den wir ausreichend lange genießen und fotografieren dürfen.


So allmählich wollen wir zum anderen Hebewerk wechseln – zunächst erhaschen wir noch richtig gute Blicke von neu zu alt – kurz vorm rechten Bildrand siehst du so ein grünliches Gebilde – merk dir das mal – da stehen wir gleich.

Zack, runter: Niveau Wasserkante
Eben noch weit oben irgendwo auf Etage 12 – sehen wir uns nun auf Höhe der Wasserkante an der Einfahrt zum neuen Schiffshebewerk. Auf dem Foto gut zu sehen – diese ist über Ampelschaltung geregelt. “Einer” von uns träumt davon – mal in einem Kanu da hindurch zu fahren – eine andere von uns träumt davon, diese Anlage mal im vollen Schiffsbetrieb zu erleben. An einem Samstag Abend gegen 18.00 Uhr kam gerade kein Schiff. Mich hat’s nicht gestört, es gab auch so unheimlich viel zum Gucken.

Mittlerweile ist es schon fast dunkel, das hebt auf jeden Fall die Lichtstimmung – wir befinden uns nun oberhalb und zwischen den beiden Schiffshebewerken.
Eine alte Treidellok und ein wenig Geschichte
Die Geschichte, rund um den zu überwindenden 36 Meter hohen Geländesprung, beginnt im Prinzip als die letzte Eiszeit, die Weichseleiszeit, das Gelände in eine hügelige Moränenlandschaft – ins unterhalb liegende Eberswalder Urstromtal und die höher gelegene Schorfheider Platte verwandelt. Das Schmelzwasser sucht sich seinen Weg und mit vielen Zeitsprüngen landen wir im Jahr 1914.
Wo früher der alte Finowkanal über 12 Schleusen führte, übernahm 1914 der neue Oder-Havel-Kanal mit einer 4-stufigen Schleusentreppe, die wiederum 1934 vom ersten Schiffshebewerk und 2022 vom neuen Koloss abgelöst wurde.
Auf der Tour begegnen wir einer Zeitzeugin – wir entdecken eine sehr fotogene, alte Treidellok. Ihre Bestimmung fand sie, als unmotorisierte Frachtkähne noch durch die Anlage gezogen (“getreidelt”) werden mussten.

Und dann endlich: altes Schiffshebewerk Niederfinow
Tja, und was soll man zu diesem Blick ins Herzen des alten Schiffshebewerkes sagen? Wir staunen einfach nur. Rund 14 Tausend Tonnen Stahl, gehalten von Millionen von Nieten.

Mittlerweile kommt die Beleuchtung deutlich zur Geltung. Diese – zusammen mit dem Mondschein sowie den Rufen eines Waldkauzes lässt für einen kurzen Moment eine besondere Stimmung entstehen. Wir dürfen Fragen stellen und von “Was muss man lernen um auf der Kommandobrücke zu arbeiten?” – bis hin zu “Wieviele Menschen arbeiten hier eigentlich?” ist alles mögliche dabei.

Von oben gibt es auch einen schönen Blick auf den kleinen Wohnmobilstellplatz – dieses Mal waren wir mit dem Pkw, haben uns jedoch fest vorgenommen – mit Knatterinchen, unserem Kastenwagen, nochmal wiederzukommen.
Warum?
Weil es am Abend recht ruhig dort ist – weil es sicher auch in der Umgebung noch eine Menge zu entdecken gibt, weil die Schiffshebewerke noch mit einem Schiff durchfahren werden müssen oder oder oder. Für 20,00 Euro / Nacht darf man am Ende des Pkw-Parkplatzes stehen.
Und natürlich kam im Laufe der Führung auch die Frage – was es mit diesem markanten Kran auf dem Dach des alten Schiffshebewerkes auf sich hat. Dieser Laufkran kann sich hin- und herbewegen und dient vor allem zu Wartungsarbeiten.

Die zwei Stunden Doppelführung neigen sich dem Ende und über die barrierefreie Rampe schlendern wir so allmählich zurück. Der eine oder andere faszinierende Blick tut sich noch auf – doch so langsam kämpft die Kamera mit der Dunkelheit.


Und das ehrliche Fazit?
Das ist schnell geliefert: Wir sind froh, uns für den Besuch dort entschieden zu haben. Die Führung war wirklich eindrucksvoll, hat Spaß gemacht, die Bauwerke sind einzigartig – welches nun schöner ist – das überlasse ich dir, das zu entscheiden. Die Stimmung am Abend, vor allem, wenn die Lichter angehen, ist besonders schön und ich würde die Schiffshebewerke glatt als “muss-besucht-werden” einstufen. Alle Mitarbeiter mit denen wir Kontakt hatten, waren supernett – rundum ein schöner Abend.
Was hätte besser sein können?
Hm. Da gehts um Kleinigkeiten, die es nicht schaffen, das Gesamterlebnis zu schmälern – ich sag’s trotzdem mal.
Bei einem Eintrittspreis für eine zweistündige Führung von 24 Euro pro Person, sowie einer Parkplatzgebühr von 4 Euro – fand ich die 50-Cent-Münz-Drehkreuz-Toilette am Parkplatz irgendwie seltsam. Ein so modernes Schiffshebewerk mit einem wirklich gut organisierten Besuchermanagement und dann Münzen, um mal auf’s WC zu gehen. (Da denke ich gern an die modernen Toiletten auf Norwegens einsamen Wanderparkplätzen zurück – die entweder kostenfrei oder mit Kreditkarte bezahlbar waren. Brandenburg – das schaffen wir doch auch, oder?)
Ein zweiter Punkt, den ich anders machen würde, wenn ich die Führungen organisieren würde: Entweder Doppelführung – oder eben nur Einzelführung durch eins der Hebewerke. Was war passiert? Unsere Führung wurde kombiniert, das heißt, es gab ein paar Leute, die nur das Neue Schiffshebewerk mit angeschaut haben – diese mussten dann während der Tour erst mal runter begleitet werden – in der Zeit standen die anderen zwar nur kurz aber eigentlich verloren rum.
So und wie bei jedem Ausflugsziel, hat man vor der Anreise viele Fragen – die klären wir jetzt:
Fragen zum Besuch im Schiffshebewerk Niederfinow:
Ist das Schiffshebewerk barrierefrei
Soweit ich das erinnere, sind wir während der 2 Stunden keine einzige Stufe gestiegen – einzig am Ende ging es durch ein Drehkreuz – das stelle ich mir mit Rollator, Rollstuhl & Co etwas schwierig vor – aber dafür gibt es bestimmt eine Lösung, denn in der Besucherbroschüre sind barrierefreie Wege eingemalt.
Was kostet der Besuch im Schiffshebewerk Niederfinow / Eintrittspreise / Parkplatz
Hier mache ich es mir mal leicht, denn die Liste ist lang – ich verlinke zur Besucherseite:
Eintrittspreise Schiffshebewerk Niederfinow
Kann man gut parken am Schiffshebewerk?
Ja – sehr gut. Es steht ein wirklich großer, kostenpflichtiger Besucherparkplatz zur Verfügung. Das Parkticket kann man entweder im Infozentrum oder draußen am Automat kaufen.
Hast du noch Fragen zum Schiffshebewerk oder zu unserem Besuch dort? Dann schreibe sie gern rein in die Kommentare. Wie immer sage ich recht herzlichen Dank, dass du bis hierhin gelesen hat – schau gern demnächst wieder rein – wie du weißt, habe ich immer Unmengen von Material auf Halde – mal schauen, wer als nächstes gewinnt 😉
Gibt es vor Ort was zu essen?
Ja – rund um den Parkplatz gibt es Imbissbuden, weiter vorn an der Straße auch kleine Restaurants.
Muss man unbedingt eine Führung im Schiffshebewerk buchen?
Nein, das muss man nicht – für 7,00 Euro kann man sich auf dem Gelände bewegen und vor allem das alte Schiffshebewerk erkunden. Selbst wenn man nur die Straße entlang läuft – erhascht man schon einen tollen Blick.
Alle weiteren Infos, vor allem die anstehenden Sonderführungen, findet Ihr auf der Webseite der Schiffshebewerke Niederfinow:
Hier geht es zu Webseite der Schiffshebewerke
Blogautorin: Sandra Hintringer
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schiffshebewerk_Niederfinow_Nord


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