Tripp Tipp

Ferropolis – Stadt aus Eisen

Lesedauer 7 Minuten

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Ferropolis Einleitung

Fluch oder Segen – Arbeit gegen Existenz. Die Geschichte der Braunkohleförderung ist emotional. Wo andere einst ihre Heimat Gremmin an den Tagebau Golpa-Nord verloren – beschenkt mich das Universum alias Sachsen-Anhalt mit einem ersten richtig heißen und schönen Tag. Die Welt ist ungerecht. Und dennoch stehe ich nun an diesem goldgelben Strand. Die Zeit läuft bekanntlich vorwärts und so ich erlaube mir, das gewandelte Schöne zu erleben. Ich lasse meinen Blick in die von Schilf und Wasser gesäumte Weite gleiten, fühle mich dabei wie an der Ostsee und doch stehe ich mitten in Mitteldeutschland. Sagenhaft. Hinter mir stehen die 5 rostigen Giganten Gemini, Mosquito, Mad Max, Big Wheel und Medusa. Fehlt nur noch, dass sie anfangen zu sprechen.

Ich stehe in Ferropolis – die Stadt aus Eisen.

Genauso, wie ich dort auf dem riesigen Gelände nicht wusste, wo ich als erstes und dann als nächstes hinschauen soll, überlege ich nun – was ich dir hier zuerst erzähle. Jeder einzelne Zentimeter hat es verdient, als Erster und überhaupt genannt zu werden. Doch schlussendlich ist es die Gesamtheit, die Ferropolis so kurios und magisch zugleich erscheinen lässt.

Das Tor zu Ferropolis – das eigene Ortseingangsschild

Guck mal: Da geht es schon mal mit einem eigenen Ortseingangsschild und riesigen Portraitgraffitis los. Das Ortsschild wurde am 14.12.1995 feierlich enthüllt.

Hier auf diesem Bild begrüßt dich der Tagesschichtleiter Walter Nitsche.

“Glück auf”… hätte er dir wahrscheinlich entgegengeschmettert, wenn du als Bergmann hier gearbeitet hättest.

Ortsschild Ferropolis und Herr Nitsche

Walter Nitsche ist einer von insgesamt acht Personen, welche an den Wänden vom Künstler Henrik Beikirch in Szene gesetzt wurden. Sie stehen stellvertretend für alle 820 ehemals hier in Golpa-Nord Beschäftigten.

Ich betrachte wahnsinnig gern Gesichter und so fällt mir die leicht nach unten gebogene Nase und die etwas aufeinandergepressten Lippen von Herr Nitsche auf. Ist das funktional? Weiß ein Körper, der lange in einem Tagebau arbeitet, dass er sich anpassen, dass er sich vor dem Kohlestaub schützen muss?

Form folgt der Funktion – sagen wir in der Osteopathie. Und doch bleibt es hier in den Portraits rein spekulativ, was die Gesichter für Geschichten erzählen… ich könnt´ jedenfalls ewig hingucken.

Herr Nitsche – Herr Petschke – Herr Schlosser

Kaum ist das Auto auf dem riesigen Parkplatz abgestellt, heftet sich mein Blick und damit die Linse meines Handys magnetisch an den für diese Lokalität erstaunlichen Farbtuper.

“Aufklärung ist derAusgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit und Mündigkeit ist das Vermögen sich seines Verstandes ohne Leitung …. zu bedienen…. Sapere aude! Habe Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”

Medusa und &: Geführte Tour durch Ferropolis

Es bleibt kaum Zeit, länger darüber nachzudenken, denn schon werden wir von Janine Scharf und Kathleen locker empfangen. Beide arbeiten aus Überzeugung hier und schicken uns sodann auf den Rundgang, welcher beim Brückenkran startet.

Brückenkran

Ziemlich schnell zieht es uns weiter nach hinten, dort, wo der mächtige Bagger Medusa am Rande der Arena mehrmals im Jahr über Tausende von Festivalgästen wacht. Jetzt, wo auch er als Bagger arbeitslos geworden ist, ist das zumindest ein Brotjob für Ferropolis. Das Gelände lebt von den Festivals, denn seit 1991 gilt der Tagebau als offiziell ausgekohlt. Zu aktiven Zeiten war Medusa ein sogenannter Absetzer. Diese Art von Bagger verteilen anfallendes Schüttgut.

Ohne weiteres können wir den Baggern ganz nahe kommen. Und so pirschen wir uns nun ganz nah an Mad Max heran.

Die Geräte sind wirklich mächtig, wir sind nahezu überwältigt und haben alle Mühe, uns für den einen oder anderen Bildausschnitt zu entscheiden. Als Herz von Mad Max ratterten 40 gewaltige Eimer an einer Kette durch das “schwarze Gold” – die Braunkohle.

Ganze 150 Jahre umfasst die Geschichte der Braunkohleförderung in Sachsen-Anhalt. Der Tagebau Golpa-Nord nahm seinen Betrieb 1957 auf, die eigentliche Kohleförderung begann 1964. In der Zeit bis 1991 wurden gute 70 Millionen Tonnen Braunkohle und Ton als Nebenprodukt abgebaut. Die Meisterleistung der Ingenieure wird deutlich, wenn man den Blick ein wenig auf die Details richtet.

Großes Highlight dieses Freiluftmuseums ist natürlich die Besteigung von Gemini. Das muss man einfach live erleben und lässt sich kaum beschreiben – ich versuche dir dennoch hier mal ein paar Eindrücke zu geben.

Grundsätzlich sind Treppen und Wege auf dem Absetzer sehr gut gehbar. Allerdings solltest du weitestgehend schwindelfrei sein, denn natürlich kann man durch die Gitterroststufen, durch´s Geländer hindurchschauen – na sagen wir, man kann eigentlich überall hindurchschauen.

Der beste Blick in ganz Ferropolis

Ganz vorn angekommen gibt es als Belohnung die Aussicht über den Gremminer See. Links im Bild siehst du schon Big Wheel, da gehen wir gleich noch näher ran und rechts im Bild den  Rest vom Schwenkarm, auf dem wir sozusagen drauf stehen. Vielleicht findest du die Nasenspitze vom einzigen an dem Tag anwesenden Camper, der unter diesem Schwenkarm steht. Dann bekommst du ein klein wenig mehr Gefühl, wie groß solche Bagger tatsächlich sind.

Panoramablick vom Gemini

…und direkt im Anschluß geht es durch den Technikraum. Schade – der EIN-AUS Schalter wurde abmontiert … irgendwie bekommen wir das Ding schon zum Laufen, oder?

im Technikraum

Schon von oben haben wir den etwas ins Exil gerückten Big Wheel gesehen. Dieser Schaufelradbagger hat seinen Namen aufgrund des überdimensionalen Rades und wird in seinem Dasein sich selbst überlassen. Irgendwo wuchs oben drauf schon ein Baum. Doch der Bagger hat anderweitig noch Berühmtheit erlangt. Wenn du den Film über den ostdeutschen Liedermacher “Gundermann” von Andreas Dreßen kennst, wirst du hier besonders begeistert sein – denn die Fahrerkabine wurde zum Drehort…. nachdenklich einem seiner Lieder aus dem Handy lauschend ziehen wir wie eine Gruppe verwegener Jugendliche über das Gelände … bis wir genau vor jener Fahrerkabine stehen…

Gundermann-Kabine und das namengebende “Big Wheel”

Und hier noch einmal “Big Wheel” in seiner vollen Pracht. Mein heimlicher Favorit auf dem Gelände. Das winzige Gestänge davor sind übrigens handelsübliche Schaukeln – also nur, falls euch oder euren Kindern unerwarteterweise langweilig wird.

Mich hat Ferropolis tatsächlich in den Bann gezogen und ich komme bestimmt auch nochmal hierher. Schon vor langer Zeit hatte ich das Vergnügen die Abraumförderbrücke F60 in Lichterfeld zu besuchen. Wenn dich das Thema auch so fesselt – dann lies gern den Beitrag dazu: “Von Baggern und Schaufeln – mein Besuch auf der Abraumförderbrücke F60” Ferropolis

Gedankliche Zeitreise Ferropolis

Doch es ist nicht allein die außergewöhnliche Technik oder der rostige Industriecharme, welche die Aufmerksamkeit in diesem Museum bindet. Auf eine ganz unscheinbare Art werde ich zurückgezogen. Irgendwohin, in eine Zeit, die ich meine Kindheit in der ehemaligen DDR nenne. Auf einen Schlag sind sie alle da. Die Bilder, welche sich 12 Jahre kohleassoziiert in mich eingeprägt haben. Bilder und Gerüche, die mir heute fast unwahrscheinlich erscheinen.

Jeder, der ebenfalls dort aufgewachsen ist, kann sich sicherlich genauso gut wie ich an den schwarz gesprenkelten Schnee im Winter oder die riesigen Berge von Kohle erinnern, welche irgendwann in ein dunkles Kellerloch geschippt werden mussten. Damals fand ich das lustig. Mir einfach eine zu schnappen und dem Poltern zu lauschen, wenn ich sie mal mehr oder mal weniger stark in das finstere Loch gepfeffert habe.

Ein anderes Mal hat mich eher die Haptik, vor allem die teilweise glatte Schale der Kohle ansich fasziniert. Für mich ein Spiel, eine Erkundung – für meine Eltern, harter Alltag. Heute drehen wir gedankenlos einfach die Heizung auf… und müssen uns auch nicht mehr über durch glühende Asche ausgelöste Mülltonnenbrände sowie deren durchdringende Gerüche ägern.

Was sagte ich am Anfang? Das Universum hat mich beschenkt?

Einmal mehr wird mir genau das klar – wie reich und voll und schön und unkompliziert einfach mein Leben ist.

Für uns – hier in Ferropolis heißt es nun so langsam Abschied nehmen. Eins zwei Impressionen vom Gelände hätte ich noch.

Zum Beispiel diesen Waggon.

Oder den Raupensäulenschwenkbagger “Mosquito” – über den wir ja hier noch gar nicht gesprochen haben. Der 77jährige Oldie auf dem Gelände.

Mosquito

Paar süße, fiedrige Baggerbewohner scheint es auch zu geben – leider war grad niemand zu Hause!

Ach – es war einfach ein wunderschöner Tag. Vielen Dank, dass wir – dass ich da sein durfte.

Vielen Dank an Kathleen, welche uns in einer wirklich sympathischen Art über das Gelände geführt hat. Vielleicht habt ihr auch das Glück – sie bei einer eurer Führungen zu erwischen.

Wie immer auch vielen Dank – dass Ihr auch dieses Mal virtuell mit mir gereist seid. Schreibt es mir mal rein in die Kommentare, ob ihr Ferropolis schon besucht habt.

Und ansonsten schau´ gern in Kürze wieder hier vorbei – denn schon jetzt spukt mir schon eine nächste Beitragsidee im Kopf herum.

Mach es gut und hab´ eine schöne Zeit!

Autorin: Sandra Hintringer

Weiterlesen zu den Welterbestätten Sachsen-Anhalt:

Welterbestätten Sachsen-Anhalt – ein erster Streifzug

 

Max Klinger – Besuch des Museums in Großjena

 

Wichtige Informationen zu Deinem Besuch in Ferropolis:

Da sich gerade unentwegt die Öffnungszeiten und die Anforderungen für einen Besuch ändern – schau am besten auf die Webseite.

Hier kannst du dir auf alle Fälle ein Online-Ticket buchen. Den im Moment erforderlichen Test kannst du vor Ort machen lassen.

https://www.ferropolis.de/de/cms/_redaktionell/1/Start.html

 

Quellen zum Beitrag:

https://de.wikipedia.org/wiki/Tagebau_Golpa-Nord

https://www.ferropolis.de/de/cms/_redaktionell/1/Start.html

https://www.giessener-allgemeine.de/kino-tv/gundermann-ard-drehort-handlung-und-besetzung-des-mehrfach-preisgekroenten-films-90057425.html

Und wenn du gern bei anderen Reiseblogger:innen stöbern möchtest, so schau doch mal bei Eva von burgdame.de – die war beim Ausflug auch dabei und hat ebenfalls einen Beitrag über Ferropolis verfasst.

 

Diese Doku über Ferropolis ist sehr sehenswert:

 

 


Offenlegung: Werbung – Diese Tour zum Max-Klinger-Haus sowie zu den Welterbestätten Sachsen-Anhalt wurde vom Reiseland Sachsen-Anhalt sowie Investitions- und Marketing-Gesellschaft gefördert und in Zusammenarbeit mit dem Museumsverband Sachsen-Anhalt durchgeführt. Ich bedanke mich recht herzlich für die überaus gute Organisation, die spannenden Eindrücke und vor allem für die Einladung.


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