Tripp Tipp

Grenzgeschichten: Die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn
Lesedauer 6 Minuten

Bereits im letzten Beitrag bin ich mit dir ein wenig in die Vergangenheit gereist und auch heute, mit dem Besuch der „Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn“ möchte ich an diesem Pfad anknüpfen. Schon oft, wenn wir mit dem Auto auf der A2 gen Westen gefahren sind, hatte ich mir vorgenommen, hier mal zu stoppen. Doch wie es immer so ist, man ist froh, dass das Auto rollt und eines ums nächste Mal sind wir vorbeigedüst. Doch im letzten Herbst, auf unserer Rückfahrt von Frankreich, kam uns die ebenfalls hier befindliche Raststätte Marienborn gerade gelegen. Nach einer schnellen Camperstulle nehmen wir uns die Zeit und schauen mal in die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn hinein.

Kurze Verortung der Gedenkstättte Deutsche Teilung Marienborn

Der Name der Gedenkstätte lässt es bereits vermuten: Dieser, knapp 200 Kilometer westlich von Berlin liegende, Erinnerungsort befindet sich auf der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen der damaligen Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Die Reise in diesem Beitrag führt uns zur Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, die Gedenkstätte selbst befindet sich in Sachsen-Anhalt und wird als einer von insgesamt 7 Erinnerungsorten der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt verwaltet.

Nach dem zweiten Weltkrieg teilten sich die alliierten Siegermächte das besiegte Deutschland in Besatzungszonen auf. Viele Kontrollpunkte wurden daraufhin eingerichtet, so auch hier zwischen der britischen und der sowjetischen Besatzungszone. Während der Zeit des Kalten Krieges (1947 – 1989) ist der Grenzkontrollpunkt Marienborn der einzige Zugang für die westlichen Alliierten ins ebenfalls geteilte Berlin.  Hier wurde der komplette Reise- und Güterverkehr sowohl nach West-Berlin also auch in die DDR, nach Polen und in die damalige Tschechoslowakei abgewickelt.

Und nun auf zur Passkontrolle

Nachdem das Areal nach der Wende drohte zu verfallen, konnte das Land Sachsen-Anhalt zumindest die wesentlichen Gebäude der Einreise erhalten. Das finde ich total schön, denn als Kind habe ich solche Grenzübergänge nicht zu sehen bekommen, zu schön wäre es gewesen, einfach mal so ausreisen zu dürfen. Das blieb den meisten DDR-Bürgern verwehrt. Geduckt, verängstigt, vielleicht innerlich abgespalten und abgetaucht in ein begrenztes Alltagsleben, haben es die meisten mangels Alternativen akzeptiert.

Seit 1990 steht das Gelände der Gedenkstätte Marienborn unter Denkmalschutz, schnell finden wir den Eingang und natürlich dürfen wir ohne jegliche Passkontrolle und sogar kostenfrei hinein.

Gedenkstätte Marienborn Eingang
Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn Eingang

Hui, das Gelände streckt sich.

Auf wohl 7.5 Hektar verteilen sich die verschiedenen Elemente solch‘ eines Grenzkontrollpunktes. Ein Besucherleitsystem schickt uns entlang von nummerierten Infostelen, der Text auf den Infotafeln ist gehaltvoll, dennoch leicht zu lesen und nimmt emotional sehr gut mit in eine Zeit, die man sich nur noch ungern vorstellen mag.

Infostele Grenzgedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn
Infostele Nummer 6 in der Grenzgedenkstätte Marienborn

Zunächst geht es durch den Abfertigungsbereich der Einreise. Die Baracken der Passkontrollen sind erstaunlicherweise recht gut erhalten. Die gelben Wellblechdächer versprühen charmanten und auch beklemmenden Ostcharme.

Gedenkstätte Marienborn
Baracken der Einreisekontrolle

Ebenso kennt wahrscheinlich jeder Ossi diese jederorts verbauten Holztüren mit Glaseinsatz und dem ach so typischen Türknauf.

Holztür Passkontrolle Marienborn
originale Holztür Passkontrolle Marienborn

Eigentlich mehr durch ein Zufall entdecken wir, dass einige Baracken geöffnet sind. Falls du mal hier in der Grenzgedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn vorbeikommen solltest, einfach an den Türen probieren, ob du reinkommst. Dahingehend gibt es keine direkte Beschriftung.

Schwupp, sind wir jedenfalls drin und nun wird es das gefühlte Fass ohne Boden. Im Kopf beginnen Rollenspiele. Bilder von normierten, gefühlserkalteten Zollbeamten kommen vors innere Auge und auch die Angst, ob mein Pass genügt, kann ich komischerweise spüren. (obwohl ich persönlich dieses Gefühl nur vom Flughafen kenne).

Rumms, schließt sich die kleine Klappe unten mit einem kalten, lauten Knall. Den werden wir gleich noch öfters hören, irgendwie spielt jeder Tourist daran rum.

Kontrollfenster in der Gedenkstätte Marienborn

An den Wänden finden sich viele, selbstredende und bewegende O-Ton-Zitate:

Tja und dann flippen wir schier aus, als wir diesen Raum betreten. Boah. Erich Ernst Paul Honecker, für mich der nuschelnde Politikopa, dessen Konterfei in jeder Schule hing. Staatsratsvorsitzender der DDR von 1976 – 1989.

„Für Frieden un.. Sosialismus nuschel nuschel, Seid bereit!“ Nein, mein Lieber. Freunde im Geiste sind und werden wir ganz gewiss nicht. Das, was da mit dir lief, war einfach nicht in Ordnung.

Aber die niederländischen Touristen, die wir hier in diesem Raum treffen, freuen sich total über unsere Zeitzeugenberichte. Sie wussten gar nicht, wer hier so unscheinbar und gänsehauttauglich in den Raum lächelt.

Achso und: Cooler Stuhl, coole Schreibmaschine, coole Tapete, oder?

Büro in Marienborn
beispielhaftes Büro in Marienborn

Wir stromern noch ein wenig durch die Räume, finden Tafeln, in denen die Körperdurchsuchung der Reisenden erklärt wird. Bei Verdacht auf Schmuggel unerlaubter Waren war im Zollgesetz der DDR folgendes festgehalten: Abtasten durch zwei gleichgeschlechtliche Zöllner, entkleiden, Check der Kleidung und Leibesvisitation. Furchtbar, einfach nur furchtbar.

Etwas unverfänglicher scheinen da die Untersuchungen der Fahrzeuge zur Aufdeckung von Fluchten:

Untersuchungsraum für Fahrzeuge

 

Und noch ein kurzer Blick auf´s Freigelände

Die Ausstellung ist wirklich abwechslungsreich. Als wir die Baracken mit vor Aufregung schwitzigen Achseln verlassen, finden wir noch dieses Zitat auf dem Betonboden. Und siehst du übrigens das kleine Pflänzchen, was sich durch die geteerte Naht durchkämpft? Was will es uns sagen? Das es immer Hoffnung gibt? Das Unrecht irgendwann doch noch zum Recht findet? Das alles gut wird?

Ich wünsche es jedenfalls jedem, der unter dieser Diktatur, in welcher Form auch immer, gelitten hat.

Zitat in Marienborn in der Grenzgedenkstätte
bewegendes Zitat in der Grenzgedenkstätte Marienborn

Weiter hinten ist noch eine sogenannte Beschaubrücke als Teil des Ausreisebereiches aus der DDR erhalten. Alle LKW und Transporter müssen durch die Brücke hindurchfahren. Von oben wurde dann kontrolliert, ob es zum Beispiel Schäden an den Planen oder unerlaubte Personen an Board gab.

Direkt daneben befindet sich noch der Kommandantenturm der sowjetischen Alliiertenkontrolle. Von hier aus wurden Militärfahrzeuge und militärisches Personal der Alliierten durch die sowjetischen Besatzer direkt an der Autobahn kontrolliert. Wir hatten die leise Hoffnung, dass der Turm für Besucher geöffnet ist – leider nicht.

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn
Kommandantenturm und Beschaubrücke Marienborn

Fazit zur Ausstellung Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn:

Ich war positiv überrascht, die Ausstellung ist gut strukturiert, gehaltvoll und abwechslungsreich. Mein naiver Gedanke, man könnte einen kurzen Stopp machen, um mal eben alles zu sehen – weit gefehlt. Für einen kurzen Überblick reicht sicherlich eine Stunde. Wenn dich das Thema näher interessiert und du wirklich alle Infotafeln in Ruhe lesen möchtest, vergehen gut auch 3-4 Stunden, schätze ich mal.

Wie auch immer: Wenn du das nächste Mal auf der A2 unterwegs bist, dann schau doch einfach mal dort rein, meinen gehobenen Daumen hat die Ausstellung Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn auf jeden Fall. Und wenn dich Grenzgedenkstätten auch so faszinieren, dann schau‘ dir gern auch meinen Beitrag zur Gedenkstätte Mödlareuth an.

Vielen Dank, dass du heute wieder ein wenig mit mir auf Zeitreise gegangen bist. Schau recht bald wieder hier hinein, noch immer liegen unzählige Reiseerlebnisse auf Halde – der Gesprächsfaden wird dahingehend nicht abreißen.

Bis zum nächsten Mal!

Autorin: Sandra Hintringer

 

 

weiterführende Links:

Webseite der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt:

Webseite der Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn

Quellen:

Infotafeln in der Ausstellung

Auch interessant: 

Welterbestätten Sachsen-Anhalt – ein erster Streifzug (tripp-tipp.de)

 

Lutherstadt Wittenberg

Ferropolis – Stadt aus Eisen

 

7 Kommentare

  • Finde sowas aufgrund meiner familiären Vorgeschichte immer total spannend. Danke, dass du über solche Orte schreibst 🙂

    Antworten
    • Hallo Jess,

      vielen Dank für Deine Nachricht, mich saugen solche Orte magisch an 😉

      Liebe Grüße
      Sandra

      Antworten
  • Hi Sandra,

    Ich liebe ja solche Beiträge. Wäre nie auf die Idee gekommen, dass es dort noch solche „coolen“ Relikte mit Erich-Foto gibt. Mittlerweile ist das ja wirklich schon eine lange Zeitreise, nach 35 Jahren.
    Danke dafür, dass du diese Zustände in Erinnerung rufst. Das Zitat auf dem Betonboden beschreibt es wirklich gut.
    Ich hoffe nur, dass es auch gut altert!

    Liebe Grüße
    Dennis

    Antworten

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